15.06.2018
Darum ist Brasilien Favorit bei Investoren und Fußballfans

Jörg Horneber

Die Seleção Brasileira gilt bei der anstehenden Fußball-WM als einer der Anwärter auf den Titel. Der Aktienmarkt des lateinamerikanischen Landes ist bei Investoren ebenfalls ein Favorit.

Abzulesen ist diese Favoritenrolle am wichtigsten Aktienindex Brasiliens, dem Ibovespa. Der etwa 70 Aktien beinhaltende Performanceindex umfasst den Großteil aller in São Paulo gelisteten Aktien. Im Februar 2018 markierte der Ibovespa mit 88.317 Punkten ein neues Allzeithoch. Seitdem gab es allerdings eine Konsolidierung um etwa elf Prozent auf aktuell 78.600 Punkte. Der Höhenflug ist keine kurzfristige Erscheinung. Im Jahr 2016 betrug der Zuwachs schon knapp 40 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es fast 29 Prozent.

Ein Grund dafür ist die wirtschaftliche Erholung des Landes. Nach der Rezession in den Jahren 2015 und 2016 mit einem negativen Wirtschaftswachstum von minus 3,8 Prozent und minus 3,5 Prozent, hat sich die Wirtschaft im vergangenen Jahr mit einem Wachstum von knapp einem Prozent wieder stabilisiert. Für 2018 gehen Analysten von 2,4 Prozent Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) aus. Die Folgejahre bis 2022 werden ähnlich eingeschätzt.

Die Lage bessert sich
Die Staatsverschuldung stieg im Jahr 2017 nochmals um acht Prozent auf 74 Prozent des BIP und somit auf ein Allzeithoch. Allerdings bewegt sich die Verschuldung im Vergleich zur Eurozone (2017 laut EU-Kommission: 88,8 Prozent) und den USA (laut OECD: 107,8 Prozent) noch auf relativ bescheidenem Niveau.

Eine sehr positive Entwicklung konnte bei der Inflation beobachtet werden. Diese lag im Jahr 2017 nur bei 2,9 Prozent und hat sich gegenüber Vorjahr fast halbiert. Die brasilianische Notenbank konnte somit den Leitzins von 14 Prozent auf 6,5 Prozent senken. Das ist der tiefste Stand der letzten 20 Jahre.

Allerdings ist die Arbeitslosigkeit in Brasilien noch sehr hoch (2017: 11,8 Prozent). Die Situation verbessert sich nur sehr langsam. Aus diesem Grund ist auch der private Binnenkonsum noch nicht auf dem Stand vor der Rezession. Die Lage hat sich 2017 aber bereits deutlich verbessert.

Der brasilianische Real hat 2017 zum Euro um etwa 16 Prozent und 2018 um 10 Prozent abgewertet. Aktuell ist er nicht mehr weit von seinem Allzeittief entfernt. Die Entwicklung des Real ist zum Teil politisch hausgemacht, aber auch auf die gestiegenen Zinsen in den USA zurückzuführen. Von dem günstigen Real profitiert die exportorientierte Wirtschaft des Landes. Schon jetzt zeigen Brasiliens Unternehmen aus den wichtigen Wirtschaftssektoren Rohstoffe (Landwirtschaft, Bergbau, Erdöl/Treibstoffe, Eisen/Stahlindustrie), Chemie und Maschinenbau eine deutliche Verbesserung ihrer Geschäftsaussichten an.

Polit-Skandal nach Polit-Skandal
Ein Problem ist nach wie vor die außergewöhnlich instabile politische Situation. Sie beschäftigt das Land und potenzielle Investoren über die letzten Jahre. Nach dem Korruptionsskandal um den Ex-Präsidenten Lula da Silva und der Amtsenthebung seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff im Sommer 2016, wird das Land derzeit von einer liberal-konservativen Regierung geführt – mit dem ebenfalls unter Korruptionsverdacht stehenden Michel Temer an der Spitze. Seine Regierungsperiode endet im Herbst. Die Verunsicherung, wer die neue Regierung stellen wird, ist groß. Anfang Oktober finden die Präsidentschaftswahlen statt. Bisher kristallisiert sich aufgrund der Umfragewerte noch keine Indikation zur zukünftigen Regierung heraus.

Die politische Unsicherheit ist sicherlich ein Grund für die überdurchschnittlich hohe Volatilität an den brasilianischen Kapitalmärkten. Das ist Chance und Risiko für Investoren zugleich. Die brasilianischen Aktien sind im internationalen Vergleich günstig bewertet und preisen die Risiken bereits ein. Eine Investition in den Real erscheint aufgrund der aktuellen Kursentwicklung und der attraktiven Renditen eine gute Diversifikation für risikobereite Anleger zu sein.

Eine erfolgreiche WM könnte die Stimmung im Land zumindest kurzfristig zusätzlich befördern. Anleger sollten aber die Entwicklung der Präsidentschaftswahlen genau beobachten. Die wirtschaftliche Perspektive für Brasilien ist auf jeden Fall vorhanden. Es muss nur Ruhe einkehren.

Artikel auf www.focus.de

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